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Daheim

Bauen und Wohnen in Gemeinschaft

Kurzbericht eines Ausstellungsbesuchs im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu gemeinschaftlichen Wohnprojekten. Die Ausstellung läuft noch bis 28.2.2016, Besuch empfohlen.

Betreten habe ich das Museum mit der Befürchtung, es könnte wieder eine dieser viel zu oft gesehenen Veranstaltungen mit der revolutionären Aussage „Schaut her, was für tolle Architektur Baugruppen in der Stadt realisieren können“ wird. Vorweggenommen: die Ausstellung hat mich positiv überrascht.
Gleich am Eingang eine übersichtlich und prägnant gemachte Darstellung über die drei prinzipiell möglichen formalen Konstellationen Genossenschaft , Baugruppe und Investor. An der Seitenwand findet sich ein historischer Abriss über organisiertes Gemeinschaftswohnen von den Utopien des frühen 19. Jahrhundert bis zur Architektenbaugruppe heutiger Prägung. Dass in diesen historischen Abrissen nie Bezug genommen wird auf noch ältere und damals selbstverständliche Wohnformen in Dorf- und Siedlungs- oder Höhlengemeinschaften, verwundert mich immer wieder, ist hier auch nicht anders. Interessant auch die „Bibliothek“, es gibt mittlerweile doch eine Menge Literatur zum Thema.
Die Vorstellung der Projekte erfolgt mittels Modellen, Fotos und Beschreibungen. Erfreulich die Varianz in den Modellen, neben „klassischen“ Architektur- und Stadtplanungsmodellen finden sich bunte Multiplex-Klötzchenstapel, ein Eigenheim-Bastelkoffer, ein Etagenstapelregal im Maßstab 1:20. Die Auswahl der Projekte ist europäisch dominiert, die weltweite Dimension wird durch Einzelprojekte aus Buenos Aires, Toronto und Yokohama belegt. Es dominieren die Standorte Berlin, Zürich und, seit Jahren die spannendsten Projekte (warum eigentlich?), Wien. Darüber hinaus werden aber explizit auch Projekte in Kleinstädten und auf dem Land vorgestellt, was ich in der Form so noch nicht auf einschlägigen Ausstellungen gesehen habe.
Neben der Architektur bemühen sich einige Projekte, auch die Gründungsidee und Entstehungsgeschichte nachzuzeichnen. Was unterbelichtet bleibt, ist aber systematisch der Aspekt der Gemeinschaft und des Zusammenlebens. Ein Gemeinschaftliches Wohnen ist im Alltag einfach viel mehr als ein Gebäude und ein intelligent und individuell organisierter Wohnraum für eine mehr oder weniger große Anzahl von Menschen. Die Organisation des täglichen Zusammenlebens bleibt in der Ausstellung außerhalb der Betrachtung. Aber vergessen wir nicht, es ist eine Ausstellung im Architekturmuseum, der Blickwinkel ist naturgemäß ein anderer. Aber wer waren, neben den präsentierten Architekten, deren Leistung ich nicht in Frage stellen möchte, eigentlich die Initiatoren und Entwickler (not to mention Projektmanager) dieser wunderbaren Ideen und Projekte?
Insgesamt eine spannende Ausstellung, es lohnt bei Interesse am Thema auf jeden Fall auf der Durchreise einen Aufenthalt in Frankfurt und ein Stündchen für diese Ausstellung zu investieren. Die Ausstellung mit Schwerpunkt „Organisation eines täglichen Gemeinschaftslebens“ muss dann aber vielleicht doch jemand anders organisieren als das Deutsche Architekturmuseum.
 
Jörg Mauer, 24.11.2015
im ICE von Frankfurt nach Berlin